FREIBURG 01.12.2018

 


Der Kan­ton Frei­burg hat immer noch kei­ne kan­to­na­le Voll­zugs­ge­setz­ge­bung zur Zwei­spra­chig­keit. Der Stadt­frei­bur­ger Syn­dic Thier­ry Stei­ert frag­te beim Staats­rat nach, inwie­fern die­ser damit vor­wärts­ma­chen wol­le. Die Ant­wort scheint aus­wei­chend zu sein.


Der Umgang mit der Zwei­spra­chig­keit beschäf­tigt den Kan­ton Frei­burg seit Jahr­hun­der­ten. Der Stadt­frei­bur­ger Syn­dic und SP-Gross­rat Thier­ry Stei­ert weist in einer par­la­men­ta­ri­schen Anfra­ge dar­auf hin, dass die ver­fas­sungs­recht­li­chen Bestim­mun­gen zu den Spra­chen im Kan­ton immer noch in kei­ner all­ge­mei­nen Gesetz­ge­bung kon­kre­ti­siert sind. Er erkun­digt sich daher – vor allem auch im Hin­blick auf die im Raum Frei­burg geplan­te Gemein­de­fu­si­on – danach, ob und wann der Staats­rat eine all­fäl­li­ge Voll­zugs­ge­setz­ge­bung zu den Spra­chen in Angriff neh­men will.

In sei­ner Ant­wort bestä­tigt die Kan­tons­re­gie­rung zwar, dass sie sich – im Ein­klang mit der Gemein­de­au­to­no­mie – mit so einer Voll­zugs­ge­setz­ge­bung ein­ge­hend aus­ein­an­der­set­zen möch­te. Sie wol­le jedoch, dass die­se Arbei­ten «in den brei­te­ren Rah­men der Zwei­spra­chig­keit, nament­lich inner­halb der Kan­tons­ver­wal­tung» ein­ge­bet­tet sei­en. Der Staats­rat ver­weist auch auf die Umset­zung eines ent­spre­chen­den Pos­tu­lats von Gross­rat Tho­mas Rau­ber (CVP, Tafers) und Alt-Gross­rat Lau­rent Thé­voz (Grü­ne, Frei­burg), wel­ches das «Label für die Zwei­spra­chig­keit» in der Kan­tons­ver­wal­tung för­dern will und vom Gros­sen Rat die­sen Sep­tem­ber ein­stim­mig für erheb­lich erklärt wur­de. Die Kan­tons­re­gie­rung geht davon aus, dass die Arbei­ten zur Umset­zung die­ses Pos­tu­lats «eine ers­te Etap­pe hin zu einem Gesamt­über­blick über die Sprach­po­li­tik auf kan­to­na­ler Ebe­ne dar­stel­len». Der Staats­rat ver­fü­ge nun aber über eine Frist von einem Jahr, um dem Gros­sen Rat einen Bericht zu die­sem Pos­tu­lat zu über­wei­sen. Je nach den Ergeb­nis­sen der ers­ten Umset­zungs­ar­bei­ten wer­de die Kan­tons­re­gie­rung prü­fen, ob es sinn­vol­ler sei, die Haupt­optionen im Bereich der Spra­chen­po­li­tik bereits im Rah­men die­ses Berichts zu for­mu­lie­ren oder einen ent­spre­chen­den zwei­ten Bericht mit Vor­schlä­gen zuhan­den des Gros­sen Rats aus­zu­ar­bei­ten.

Was das Fusi­ons­pro­jekt Gross­frei­burgs betref­fe, hält es der Staats­rat für aus­rei­chend, eine ent­spre­chen­de Bestim­mung in die Fusi­ons­ver­ein­ba­rung auf­zu­neh­men. Es bedür­fe hier­für kei­ner Ände­rung der Gesetz­ge­bung. Als «Modell» und «Inspi­ra­ti­on» könn­te hier­für das Modell der Gemein­de Courte­pin aus dem Jahr 2003 die­nen. Dort heisst es unter ande­rem: «Jede Per­son muss die Mög­lich­keit haben, sich bei der Ver­wal­tung in einer der bei­den Spra­chen aus­drü­cken zu kön­nen und Infor­ma­tio­nen zu erhal­ten. Die Publi­ka­ti­on von Infor­ma­tio­nen und von Gemein­de­re­gle­men­ten wird in bei­den Spra­chen erfol­gen.» Im Übri­gen ver­pflich­tet sich der Staats­rat dazu, alle Anfra­gen zu prü­fen, die etwa von der kon­sti­tu­ie­ren­den Ver­samm­lung gemacht und dazu die­nen wür­den, Hin­der­nis­se für die Fusi­on aus dem Weg zu räu­men – «ein­schliess­lich im Bereich der Amts­spra­che der Gemein­den».

Angst vor der Germanisierung?

«Wir schie­ben die­se Pro­blematik nicht auf die lan­ge Bank», ver­tei­digt sich Staats­rat Didier Cas­tel­la (FDP) im Gespräch mit den FN. «Ich wür­de bei die­sem The­ma ehr­lich ger­ne vor­wärts­ma­chen.» Die Umset­zung des Pos­tu­lats Rauber/Thévoz sei tat­säch­lich ein ers­ter Schritt dazu. «Wir wol­len nun die Dis­kus­si­on im Gros­sen Rat dazu abwar­ten, um zu sehen, in wel­che Rich­tung es wei­ter­ge­hen könn­te», so Cas­tel­la. Erst danach kön­ne die Zeit reif für ein Zwei­spra­chig­keits­ge­setz sein, das dem Gros­sen Rat wohl frü­hes­tens 2020 vor­ge­legt wer­den könn­te. Für das Pro­jekt Gross­frei­burg habe das Feh­len einer Voll­zugs­ge­setz­ge­bung kei­ne direk­ten Kon­se­quen­zen. Aller­dings blei­be die Zwei­spra­chig­keit «ein sen­si­bles, heik­les The­ma, das bei gewis­sen Krei­sen immer noch Ängs­te vor einer Ger­ma­ni­sie­rung aus­löst. Per­sön­lich habe ich die­se Ängs­te zwar nicht; aber ich höre von ihnen aus der Bevöl­ke­rung». Meh­re­re ent­spre­chen­de Pro­jek­te sei­en in der Ver­gan­gen­heit des­halb bereits geschei­tert. Aller­dings habe ein Umden­ken bereits begon­nen. Wei­te Krei­se der Frei­bur­ger Gesell­schaft sähen die Zwei­spra­chig­keit heut­zu­ta­ge vor allem als Chan­ce.

«Mit dem Zwei­spra­chig­keits­ge­setz ist es wie mit der Geschich­te vom Zau­ber­lehr­ling», bemerkt Stadt­syn­dic Thier­ry Stei­ert. «Jeder Staats­rat, der die­ses The­ma in der Ver­gan­gen­heit in die Hän­de nahm, hat dies irgend­wann bereut.» Stei­ert erin­nert etwa an Alt-Staats­rat Urs Schwal­ler (CVP), des­sen Zweisprachigkeits­bericht schliess­lich auch nur in der Schub­la­de gelan­det sei. Stei­ert gesteht Cas­tel­la zwar zu, dass die­ser «eine sehr offe­ne, respekt­vol­le und kon­struk­ti­ve Hal­tung» gegen­über den Deutsch­frei­bur­gern habe, den­noch hof­fe er, dass der Staats­rat die­ses The­ma nicht auf die lan­ge Bank schie­ben wol­le, zumal man die Ant­wort auf sei­ne Anfra­ge tat­säch­lich so inter­pre­tie­ren könn­te. Immer­hin aner­ken­ne der Staats­rat, dass die jet­zi­ge recht­li­che Situa­ti­on nicht befrie­di­gend sei. Es sei über­dies auch aus sei­ner Sicht viel demo­kra­ti­scher, wenn die Spra­chen­fra­ge der Kan­tons­haupt­stadt nicht nur dem Gemein­de­rat, son­dern im Rah­men einer Fusionsverein­barung dem Stimm­bür­ger zur Ent­schei­dung vor­ge­legt wer­de. Das Vor­bild Courte­pins stellt für den Frei­bur­ger Syn­dic dabei tat­säch­lich einen «gang­ba­ren Weg» dar. Ob die dor­ti­ge For­mu­lie­rung aber wort­wört­lich über­nom­men wer­den kön­ne, ste­he der­zeit noch in den Ster­nen. «Ins­ge­samt sieht man, dass der Staats­rat die Fra­ge zwar ernst­haft ange­hen will», so Stei­ert, «aber das wird nicht so schnell gesche­hen. Mit dem Brech­ei­sen will nie­mand vor­ge­hen.» Auch der Ver­weis auf das «Label für die Zwei­spra­chig­keit» tan­gie­re letzt­lich nur einen Neben­schau­platz, der mit dem Ziel sei­ner Anfra­ge nichts zu tun habe.

CHRONOLOGIE

Die Amtssprache im Wandel der Zeiten

Im Jahr 1483 erklär­ten die frei­bur­gi­schen Kan­tons­be­hör­den Deutsch zur ers­ten Amts­spra­che, um die Auf­nah­me in die Eid­ge­nos­sen­schaft zu ermög­li­chen, die damals aus­schliess­lich deutsch­spra­chig war. Nach dem Ein­marsch der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­ons­trup­pen und der Errich­tung der Hel­ve­ti­schen Repu­blik 1798 war Fran­zö­sisch ers­te Amts­spra­che, von 1814 bis 1833 wie­der Deutsch. Die Media­ti­ons­ak­te von 1803, durch die der Kan­ton Frei­burg sei­ne heu­ti­gen Gren­zen erhielt, war sehr auf das Gleich­ge­wicht der Spra­chen bedacht und hat das Ver­hält­nis von zwei Drit­teln Fran­zö­sisch­spra­chi­gen zu einem Drit­tel Deutsch­spra­chi­gen besie­gelt, das sich in den zwei Jahr­hun­der­ten seit­her kaum ver­än­dert hat.