FREIBURG 27.06.2019

 


Die deutsch­spra­chi­gen Kin­der­gärt­ler und Schü­ler der ers­ten bei­den Pri­mar­klas­sen erhal­ten kei­ne Noten. Gegen den Antrag der Kan­tons­re­gie­rung seg­ne­te der Gros­se Rat ges­tern eine ent­spre­chen­de Moti­on mit einer Zwei­drit­tels­mehr­heit ab.


Noten und Bewer­tun­gen wer­den an den deutsch­spra­chi­gen Schu­len des Kan­tons Frei­burg erst ab der Klas­se 5H ein­ge­führt. Vor­her gibt es nur einen Lern­be­richt, der mit den Eltern dis­ku­tiert wird. Mit 57 zu 31 Stim­men erklär­te der Gros­se Rat ges­tern bei vier Ent­hal­tun­gen eine ent­spre­chen­de Moti­on von Chris­ti­ne Jakob (FDP, Mur­ten) und Ueli Joh­ner-Etter (SVP, Kerz­ers) für erheb­lich – und dies gegen den Wil­len des Staats­rats. Die­ses Votum stellt auch einen Sieg für den Berufs­ver­band Leh­re­rin­nen und Leh­rer Deutsch­frei­burg (LDF) dar, der die For­de­rung des Pos­tu­lats zuvor bereits in einer von 376 Deutsch­frei­bur­ger Lehr­per­so­nen unter­zeichneten Peti­ti­on for­mu­liert hat­te (die FN berich­te­ten). Erzie­hungs­di­rek­tor Jean-Pierre Sig­gen (CVP) hat­te in sei­nem Votum zwar noch­mals die Grund­zü­ge der Argu­men­ta­ti­on hin­ter sei­ner ableh­nen­den Hal­tung deut­lich gemacht: die For­de­rung nach einem ein­heit­li­chen Beno­tungs­sys­tem für den gan­zen Kan­ton im Sin­ne der Chan­cen­gleich­heit sowie die Mög­lich­keit, bei expli­zi­ten Bewer­tun­gen in Form von Noten oder Wor­ten schnel­ler schu­li­sche Pro­ble­me ein­zel­ner Schü­ler wahr­zu­neh­men und dar­auf zu reagie­ren. Er fand jedoch kein Gehör bei der Rats­mehr­heit.

Mit Aus­nah­me der ein­mü­tig zustim­men­den SP waren alle Frak­tio­nen bei die­sem Geschäft gespal­ten, das wegen des Gross­rats­aus­flugs die ein­zi­ge nen­nens­wer­te Ent­schei­dung die­ses Mor­gens dar­stell­te. Die Front­li­ni­en schie­nen eher ent­lang der Sprach­gren­ze zu ver­lau­fen. «Es geht hier um die Aller­jüngs­ten, die zum ers­ten Mal über­haupt mit der Schu­le in Kon­takt kom­men», gab Ber­na­det­te Hän­ni-Fischer (SP, Mur­ten) zu beden­ken. In die­sem Alter gehe es vor allem dar­um, dass die Lehr­per­so­nen den Schü­lern die grund­sätz­li­che Freu­de an der Schu­le zu ver­mit­teln hät­ten. Und dass dabei eine expli­zi­te Leis­tungs­be­ur­tei­lung för­dernd sei, wie dies vom Staats­rat ange­führt wur­de, stim­me eben nur für die leis­tungs­star­ken Schü­ler. Letzt­lich gehe es aber auch dar­um, trotz der For­de­rung nach Har­mo­ni­sie­rung «nicht alles auf Bie­gen und Bre­chen gleich­ma­chen zu wol­len».

Made­lei­ne Hayoz (CVP, Cres­sier) ver­wies ihrer­seits dar­auf, dass hin­ter der Basis­stu­fe, wie sie in Mur­ten prak­ti­ziert wer­de, nun ein­mal ein eigen­stän­di­ges päd­ago­gi­sches Kon­zept für die­se Alters­stu­fe ste­he – im Unter­schied zu den Klas­sen 3H und 4H im wel­schen Kan­tons­teil. «Ver­ste­hen wir doch die Zwei­spra­chig­keit mit ihren ver­schie­de­nen Schul­kul­tu­ren als Berei­che­rung für unse­ren Kan­ton», sag­te sie.

Vertrauen ist zerbrechlich

Ber­na­det­te Mäder-Brül­hart (Mit­te links – CSP, Schmit­ten) war etwas ande­rer Mei­nung. Sie räum­te zwar ein, dass die Beur­tei­lung im ers­ten Zyklus – in den Klas­sen 1H bis 4H – im Deutsch­schwei­zer Lehr­plan  21 einen ande­ren Stel­len­wert habe als im staats­rät­li­chen Antrag. Noch wich­ti­ger als die eigent­li­che Beur­tei­lung eines Schü­lers sei aber die Beur­tei­lungs­um­ge­bung, die von den Lehr­per­so­nen in den Klas­sen geschaf­fen wer­de. Mäder-Brül­hart gab zu beden­ken, dass die Beur­tei­lung von Schü­lern zen­tral in der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Lehr­per­so­nen und Eltern sei. «Denn das dort herr­schen­de Ver­trau­en ist grund­sätz­lich zer­brech­lich», sag­te sie. «Und wenn die Mei­nun­gen aus­ein­an­der­ge­hen, ist es für bei­de Sei­ten ein­fa­cher, wenn ein ver­bind­li­ches Zeug­nis vor­han­den ist.» Mar­kus Zos­so (SVP, Schmit­ten) mein­te: «Wir haben in Frei­burg zwei Schul­sys­te­me, hin­ter denen zwei ver­schie­de­ne Kul­tu­ren ste­hen.» Da sei es für ihn zwin­gend, dass es auch Raum für zwei ver­schie­de­ne Bewer­tungs­sys­te­me gebe. Er mahn­te auch, nicht zu ver­ges­sen, dass hin­ter der gan­zen Sys­tem­dis­kus­si­on im Grun­de genom­men die Kin­der die Haupt­be­trof­fe­nen sei­en. Antoi­net­te de Weck (FDP, Frei­burg) schliess­lich stell­te klar, dass ihre Frak­ti­on gross­mehr­heit­lich die Ein­schät­zung des Staats­rats tei­le. «Aber auch wir sind für einen Unter­richt, der auf Kom­pe­ten­zen aus­ge­rich­tet ist», sag­te sie. Es sei aber ganz klar, dass die Fest­le­gung des oder der Beur­tei­lungs­ras­ter für die Volks­schu­le in der Kom­pe­tenz des Kan­tons lie­ge.

REAKTIONEN

Mehr auf die Bevölkerung hören

«Es war kein ein­stim­mi­ger, aber doch ein kla­rer Ent­scheid», sag­te Tho­mas Rau­ber (CVP, Tafers). «Er stellt auch eine Ein­la­dung dar, den Dia­log zu füh­ren, bevor ent­schie­den wird – denn der Staats­rat muss in Sachen Erzie­hung unbe­dingt mehr auf die Bevöl­ke­rung hören.»

«Ich hät­te ein noch knap­pe­res Resul­tat erwar­tet», bemerk­te Chan­tal Mül­ler (SP, Mur­ten). «Die­ses stellt nun aber ein Zei­chen dafür dar, dass der Rat durch­aus sen­si­bel für die Unter­schie­de zwi­schen den Sprach­re­gio­nen sein kann – zumal wir in Mur­ten sehr gute Erfah­run­gen mit der Basis­stu­fe gemacht haben.»

«Wir haben nun ein­mal zwei ver­schie­de­ne Schul­sys­te­me im Kan­ton», gab Adri­an Brüg­ger (SVP, Düdin­gen) zu beden­ken. Die­se funk­tio­nie­ren­de Koexis­tenz gel­te es bei­zu­be­hal­ten. Auch er fin­det, dass der Erzie­hungs­di­rek­tor Jean-Pierre Sig­gen (CVP) sich gegen­über der­ar­ti­gen Anlie­gen, die aus der Basis kom­men, gesprächs­be­rei­ter zei­gen sol­le – nament­lich nach sei­nem «Fehl­ent­scheid» bei den Senio­ren im Klas­sen­zim­mer.

«Wir sind sehr zufrie­den», sag­te die Prä­si­den­tin des Berufs­ver­bands Leh­re­rin­nen und Leh­rer Deutsch­frei­burg (LDF), Jac­que­line Häf­li­ger. «Nun haben wir eine gute Lösung vor uns, die auch den Emp­feh­lun­gen der Deutsch­schwei­zer Erzie­hungs­di­rek­to­ren-Kon­fe­renz ent­spricht.» Der Sen­si­bi­li­tät für schu­li­sche Pro­ble­me wer­de mit dem star­ken Fokus auf Eltern­ge­sprä­che eben­falls Rech­nung getra­gen. Und schliess­lich bie­te die Ein­füh­rung des Lehr­plans 21 die Chan­ce, auch bezüg­lich der Bewer­tung neue Ansät­ze vor­zu­neh­men.